Schmerz
im Alter ist kein unabwendbares Schicksal
(Seite 2 von 2)
Die
Übermacht des Schmerzes brechen
Von
der „Trias des Leidens“ betroffene Patienten brauchen eine
individuell abgestimmte, differenzierte Therapie. Wörz empfiehlt:
„Die Aufmerksamkeit muss weg vom Schmerz. Das gelingt aber
nur, wenn dieser medikamentös gelindert und wenn seine Übermacht
aufgehoben wird.“ Über die Schmerzlinderung lassen sich dann
auch der seelische Zustand und die Beweglichkeit sowie die
Teilnahme am sozialen Leben verbessern. Wörz empfiehlt eine
kombinierte Therapie mit antidepressiv und angstlösend wirkenden
Medikamenten sowie gut verträglichen Analgetika. Neben der
medikamentösen Therapie hat die Aktivierung, etwa gesellige
Spaziergänge, kleine Ausflüge oder kulturelle Veranstaltungen
einen wichtigen therapeutischen Nutzen.
Das
WHO-Stufenschema - für Ältere mehr Risiko als Gewinn?
Das
„Stufenschema“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt
nach wie vor als Leitlinie für die medikamentöse Schmerztherapie.
Es empfiehlt zunächst Analgetika wie Paracetamol und Entzündungshemmer
wie Acetylsalicylsäure oder nichtsteroidale Antirheumatika
(Stufe I). Dann sollen schwach wirksame Opioide eingesetzt
werden (Stufe II). Wirken diese nicht (mehr), greifen die
Mediziner zu den stärksten Waffen, den stark wirksamen Opioiden
(Stufe III). Der Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums
Dr. Gerhard Müller-Schwefe stellt die Weisheit dieser Empfehlungen
bei älteren Patienten nun in Frage: „Das strikte Vorgehen
nach dem WHO-Stufenschema kann gerade bei älteren Patienten
riskant sein“, sagt der Schmerztherapeut. „Neue Erkenntnisse
der Grundlagenforschung und die Entwicklung moderner Medikamente
zwingen zum Umdenken.“ Grundsätzlich muss eine exakte Schmerzanalyse
Grundlage der pharmakologischen Schmerz-therapie sein. Müller-Schwefe:
„Schmerzintensität und Schmerzursache sollten gleichermaßen
die Wahl der geeigneten Medikamente bestimmen.“ Dem verbreiteten
Vorurteil, dass Opioide gefährlicher seien als die so genannten
einfachen Analgetika, tritt er entgegen: Bei Paracetamol müssen
eine hohe Lebertoxizität und eine geringe analgetische Wirkung
in Kauf genommen werden. Herkömmliche nicht-steroidale Antirheumatika
verursachen Nebenwirkungen in Magen und Darm und sind jährlich
für 3000 Todesfälle in Deutschland aufgrund von Magen- und
Darmblutungen verantwortlich. Für den alten Organismus stellen
die Analgetika der Stufe I darum eine große Belastung dar.
„Nur wenn Entzündungen die Schmerzen verursachen, sind Entzündungshemmer
sinnvoll. Hat das Nervensystem den Schmerz jedoch bereits
‚gelernt‘, ist ein sofortiger Einsatz von Opioiden gerechtfertigt“,
argumentiert Müller-Schwefe.
Quelle:
12. Deutscher
Schmerztag, 15.-17. März 2001, Frankfurt/Main.
|